Donnerstag, 14. Juli 2016

Ich hab gut reden

Während ich am Dienstag mit schickem Outfit in meinem noch schickeren Auto Richtung Lebe-leichter-Kurs gefahren bin, kam mir ein Gedanke, der mich nicht mehr losgelassen hat.

„Was wäre, wenn ich nicht ich wäre und wenn die Umstände in meinem Leben nicht so wären wie sie jetzt gerade sind?“ Würde ich mich dann auch so gut fühlen? Wäre ich so motiviert, könnte ich so gut motivieren? Wäre ich glücklich, ausgeglichen und voller Tatendrang? Ist das, was ich habe und bin nötig um ein erfülltes Leben zu leben? Was wäre, wenn ich 146 kg wiegen würde? Was, wenn ich eine alleinerziehende Mutter wäre, die in einer kleinen 3 Zimmerwohnung lebt? Was, wenn ich einer sinnlosen Arbeit nachgehen müsste, nur damit ich meine Rechnungen bezahlen kann? Was, wenn ich keine Freunde hätte, keine Gemeinde, keinen Glauben? Was, wenn ich kein Auto hätte, nie in Urlaub fahren könnte?

Würdest du dann meinen Blog lesen? Hätte ich etwas zu sagen? Könnte ich motivieren? Würde mir jemand zuhören?

„Ich hab gut reden, mir geht’s ziemlich gut.“, denke ich hin und wieder, wenn ich versuche anderen Ratschläge zu geben. Kannst du dein Leben per Knopfdruck einfach so ändern? Gibt es ein Rezept zum Glücklich sein? Macht Geld glücklich? Besitz? Freunde? Familie?

„Geld ist nicht alles.“, behaupten wir, und freuen uns doch, wenn das Bankkonto schwarze Zahlen aufweist und wir uns hin und wieder Luxus leisten können. Sind wir doch mal ehrlich.

„Besitz ist nicht so wichtig.“, sagen wir, und kaufen uns Autos, Häuser, Klamotten, und 1000 anderes Zeug, was nicht wichtig ist. Und haben den Termin für die nächste Tupper/Prowin/Pamperedchef/party schon im Kalender stehen.

Freunde hätten wir gerne, aber wo finden wir sie? Und Familie, mhm, die kannst du dir nicht aussuchen, die musst du so nehmen wie sie ist. Und was, wenn du gerne Kinder hättest, aber keine bekommst? Was, wenn deine Ehe zerbrochen ist? Was, wenn ihr heillos zerstritten seid? Freunde hin, Familie her, ist doch nicht immer nur einfach.

Ich fühle mich momentan vom Leben geküsst, ABER, liegt das an meinen Umständen?

Ich frag mich das wirklich.

Und dann erinnere ich mich, dass die Umstände bei mir nicht immer so waren. Ich weiß noch, als ich im Sommer 2000 zu meiner Freundin sagte: "Ich glaube, ich hab das große Los gezogen." Und drei Wochen später ist unser Sohn ertrunken. Ich kenne auch sozial schwach, schwierige Zeiten, zerbrochene Freundschaften, Krankheit, Verlust, Ängste, Wut, Trauer, Ungerechtigkeit, schlechtes Wetter und schlechte Laune. Und ich lache auch nicht 24 Stunden am Tag.

Aber eins habe ich in 50 Jahren gelernt. Ich habe immer die Wahl, mich mitten in meiner Situation, egal wie beschissen sie ist, zu entscheiden: Weitergehen oder liegenbleiben, im Regen stehen oder Schirm aufspannen.

Woher ich die Kraft nehme? Das weißt du längst. From father in heaven.

Ich glaube, dass Gott uns seinen Segen schenkt, aber die Entscheidung, diesen auch anzunehmen, und sich nicht den Umständen zu ergeben müssen wir selber treffen. Da führt kein Weg dran vorbei.

Du wirst nicht per Knopfdruck aus deiner Situation befreit. Das ist ein Prozess, manchmal geht’s lange, manchmal schnell. Aber du hast es in der Hand zu entscheiden, welche Richtung du deinem Leben gibst.
Und eins ist mal klar. Schwierige Umstände in deinem Leben führen immer auch dazu, dass du an Kraft gewinnst. Jede Krise, die du überwindest, jede Hürde, die du nimmst macht dich stärker.

Natürlich geht es uns besser, wenn um uns herum alles grün ist und die Sonne scheint. Aber Schätzchen, das ist bei niemanden immer so. Ich weiß das.

hm

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